ASS

Neue Atemschutzstelle - Massivholzbau im Stahlwerk


Standort
Integriertes Hüttenwerk Salzgitter Flachstahl

Jahr
2024

Auftraggeber:in
Salzgitter Flachstahl GmbH

Leistungen
LP1-8

Größe
BGF 1.260m²

Team
+ Marc Aurel Jensen
+ Urs Granatowski
+ Christian Siemssen

Auf dem Gelände der Salzgitter Flachstahl ist im Jahr 2023 ein ungewöhnlicher Bau entstanden, der zeigt, dass Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und eine zügige Umsetzung keine Gegensätze sind, sondern zu einem Industriebau mit besonderer Ästhetik führen können. Entstanden ist eine in der Objektgröße einzigartige Kombination aus Umnutzung und Industriebau in Massivholzbauweise.

Ausgangslage
Ausgangslage für das Bauvorhaben war, dass ein wichtiger Betriebsteil des Hüttenwerks, die Atemschutzstelle, aus ihrem Gebäude ausziehen und in neue, größere und dem Bedarf angemessene Räumlichkeiten umziehen musste. Das Bestandsgebäude, in dem sich die Atemschutzstelle vorher befand, wurde im Zuge struktureller Überlegungen im Projekt SALCOS im Dezember 2022 als räumlich und logistisch ideal identifiziert, um darin eine Leitwarte mit zugehörigem Laborbetrieb unterzubringen. Die ineinandergreifenden Teilprojekte von SALCOS führten zudem zu der Herausforderung, den Leerzug des Gebäudes im 1. Quartal 2024 durchzuführen.

Planungsprozess
Die Dauer von etwas weniger als einem Jahr von Planungsbeginn bis Baufertigstellung wurde in ersten Planungsbesprechungen zwischen Salzgitter Flachstahl und JUHU! Architektur als unrealistisch bewertet unter Berücksichtigung von einem herkömmlichen Planungsprozess und konventioneller Bauweise. Auf der gemeinsamen Suche nach Lösungen kam die Idee auf, eine bestehende Struktur umzunutzen, um Zeit zu sparen: Die Kokerei-Werkstatt sollte ca. im 2. Quartal 2023 in einen Neubau umziehen und damit eine Industriehalle aus dem Jahr 1940 frei werden. Die Halle mit einer Höhe von ca. 9m und einer Netto-Grundfläche von ca. 575m² schien ideal, um das geforderte Raumprogramm zweigeschossig umzusetzen. Zudem wurden gemeinsam Überlegungen angestellt, um die Bauzeit zu optimieren, die in folgenden Festlegungen mündeten:

– Brettsperrholz sichtfertig lasiert als wesentlicher Baustoff für Wände und Decken
– nahezu sämtliche Haustechnik-Installation als Sichtinstallation
– Verzicht auf Abhangdecken
– Ersatz gewünschter Fliesenbeläge Boden durch Industriebeschichtung
– Ersatz gewünschter Fliesenbeläge Wand durch spritzwasserresistente Paneele
– weitgehender Verzicht auf Nassbaustoffe (optimierte Trocknungszeit)
– Eingriffe in den Bestand auf ein Minimum reduziert

Der nachfolgende Planungsprozess bis zur Genehmigungsplanung wurde sehr kompakt gehalten: wenige Beteiligte mit weitreichenden Befugnissen, kombinierte Vorentwurfs- und Entwurfsplanung, wöchentliche Workshops aller Beteiligter, Entscheidungsfindungen im Zeitrahmen von 0-48 Std, alles unter frühzeitiger Einbindung eines kompetenten TGA-Fachplaners. Durch diese enge Zusammenarbeit von Bauherren, Architekten, Fachplanern und ausführenden Firmen konnte die weiterführende Planung unter weitgehendem Abschluss der Ausführungsplanung vor Vergabe maximal gestaucht werden, so dass der ambitionierte Zeitplan eingehalten werden konnte. Die seriellen Details und übersichtliche Gebäudestruktur führten zu einer schnellen und qualitativ hochwertigen Umsetzung. Die Massivholzbauweise ermöglichte, durch einen sehr hohen Vorfertigungsgrad, einen Aufbau mit fertigen Durchbrüchen. Auf zementgebundene Baustoffe mit traditionell längeren Trocknungszeiten konnte fast gänzlich verzichtet werden.

Bauphase
Die Bauphase lief trotz des hohen Anteils an technischer Gebäudeausrüstung und des sehr engen Zeitrahmens mit einer Gesamtbauzeit von ca. einem halben Jahr weitgehend unkompliziert ab. Die Entkernung wurde teilweise vorgezogen, indem beispielsweise der Rückbau der alten Industrieverglasung erfolgte, während die Kokerei-Werkstatt noch im Betrieb war. Die gesamte Holzkonstruktion wurde im 2-Schicht-Betrieb in gerade mal 14 Tagen gerichtet. Da durch das vorhandene Hallendach im Bestand kein Kran zum Einsatz kommen konnte war das Tragwerk so konzipiert, dass leichte Hebezeuge auf der neuen Decke über EG fahren konnten. Im Bauprozess stellte sich heraus, dass es sehr zeitaufwändig und logistisch komplex werden würde, den bereits stillgelegten Hallenkran aus den 1940er Jahren zu entfernen – so ist er im Luftraum eines Treppenhauses verblieben und wird als Industriedenkmal illuminiert. Ca. 5% der erforderlichen Durchbrüche stellten sich im Zuge der Haustechnik-Installation als anders dar, als in der Planungsphase angenommen und konnten nachträglich trocken vor Ort in die Massivholzemente geschnitten werden. Schlussendlich hat sich die Beschaffung des Spezial-Inventars und -Mobiliars, dass für den Betrieb von Atemschutz-Werkstatt und Atemschutz-Übungsanlage erforderlich ist als zeitkritischer für die Inbetriebnahme der Neuen Atemschutzstelle herausgestellt als das Bauvorhaben selbst.

Fazit
Sicherlich ist der Massivholzbau nicht die naheliegendste Bauweise auf dem Industriegelände eines Stahlwerks, konnte in diesem Fall jedoch überzeugen, weil sie als einzige aller Möglichkeiten alle Erfordernisse hinsichtlich Bauzeit, Brandschutz und Schallschutz erfüllen konnte. In Verbindung mit dem Gedanken „Weg lassen heißt Zeit sparen“ ist so ein Einbau in eine Industriehalle entstanden, der in Punkto Nachhaltigkeit, Ästhetik und Raumklima wohl einzigartig ist und schon während der Bauphase die Skeptiker überzeugen konnte. Zudem fügt sich das Bauvorhaben sehr gut in die Entwicklungsstrategie von Salzgitter Flachstahl hin zu einer nachhaltigen Stahlproduktion ein.